Weltreise Australien

Paula und die Wüstenflamme

Eine Reisegeschichte für Kinder ab 8 Jahren von Jana Steingäßer (Autorin) und Betie Pankoke (Illustratorin).

Eigentlich wollte Paula in ihren Weihnachtsferien gar nicht nach Australien. Mit Händen und Füßen hat sie sich gegen diese Reise gesträubt. Und dort angekommen wird zunächst auch alles schlimmer als geahnt. Ihre Mutter vertritt sich den Fuß, muss ins Krankenhaus und will, dass ihre Tochter dennoch etwas vom Land zu sehen bekommt. Und so verschlägt es Paula ausgerechnet zu Tante Sim ins australische Outback – völlig ab von allem. Als bald schon ein Zeitungsartikel über die verschwundene „Wüstenflamme von Andamooka“ auftaucht, beginnt eine Verfolgungs- und Rätseljagd quer durch Australien. Paula erlebt mit ungewöhnlichen Menschen und an wundersamen Orten die spannendsten Wochen ihres Lebens.

Leseprobe

Zusammenstöße

Im Supermarkt

Als der Einkaufswagen mit voller Wucht gegen den Lockenmann knallte, schreckte Paula zusammen. „Tomaten, nur ganz reife!“, hörte sie sich selbst mit einer Stimme sagen, die viel zu schrill klang und nicht zu ihr zu gehören schien. Dann sah sie, wie der Lockenmann vor ihr das Gleichgewicht verlor, nach vorne kippte und bei dem Versuch, sich am Regal abzufangen, einen kunstvoll aufgetürmten Ananashaufen ins Rollen brachte.

Der Lockenmann landete auf den Knien. Ganz langsam drehte er sich noch zu Paula um, während der gesamte Berg reifer Ananas über ihm zusammenbrach. Für einen kurzen Moment hatte Paula das Gefühl, die Zeit werde angehalten. Standbild! Ausgerechnet jetzt.

„D... d... das wollte ich nicht, ’tschuldigung“, hauchte sie kaum hörbar in die kühle Supermarktluft und lief in hektischem Slalom um die noch nicht ganz zum Stillstand gekommenen Früchte herum. Dann blieb sie kurz stehen und sah aus sicherer Entfernung, wie der Lockenmann sich heftig lachend unter dem Obst hervorschob. Ohne ihre Einkäufe mitzunehmen rannte sie nun durch den Supermarkt, an der Kassenschlange vorbei und hielt erst an, als sich die elektrischen Türen hinter ihr geschlossen hatten.

„Wo sind die Tomaten?“ Frieda klang müde, wie immer am Ende der Woche. Sie stapelte den Kühlschrankinhalt auf den Tisch.

„Tomaten gab’s keine. Zumindest keine richtig reifen“, versuchte Paula so beiläufig wie möglich zu erwähnen.

„Nicht mal im Hochsommer gibt’s reife Tomaten? Egal! Hast du an den Reis und die Butter gedacht?“

„Ausverkauft!“

Frieda ließ sich auf den Küchenstuhl fallen. „Wo hast du’s denn probiert? Im Schuhgeschäft?“

„Wie wär’s mit Spaghetti und Pesto?“

„Na, das wäre ja mal eine Abwechslung. Nach Nudeln mit Tomatensoße am Dienstag, Gnocchi mit Sahnesoße am Mittwoch und Tortellini gestern.“

Paula zuckte mit den Schultern. „Heute mal keine Nudeln. Du weißt doch, dass wir Besuch bekommen.“
„Der Theater-Mann? Kommt der heute vorbei?“ Paula warf einen flüchtigen Blick auf das Kühlschrank-Chaos auf dem Küchentisch. „Der weiß doch nicht, dass es schon die ganze Woche Pasta bei uns gab!“

„Scheint fast so, als bliebe uns sowieso nichts anderes übrig.“

„Ich bin übrigens gar nicht da!“

Paula wandte ihrer Mutter den Rücken zu, damit die ihren Gesichtsausdruck nicht erkennen konnte.

„Was soll denn das heißen? Marten will dich doch kennenlernen, und ich habe dir schon vor ein paar Tagen gesagt, dass wir heute Besuch bekommen!“

„Ich bin mit Lene verabredet, zum Übernachten.“

„Das läuft dir ja nicht weg. Heute Abend bleibst du auf jeden Fall zu Hause!“ Die ungewohnte Bestimmtheit in Friedas Stimme ließ keine Widerworte zu. Sie stützte ihr Kinn in die Hände und schloss für einen Moment die Augen. „Wir können doch nicht immer alleine bleiben!“, sagte sie mit leiser Stimme.

Daher wehte also der Wind. Paulas Vater Leander hatte schon längst wieder eine neue Freundin, aber bisher hatte sich Frieda so in ihre Arbeit vertieft, dass sie gar nicht erst auf die Idee gekommen war, Paula einen neuen Vater andrehen zu wollen.

„Bitte, Paula! Es ist doch nur ein Abendessen. Ich habe Marten schon so viel von dir erzählt, und er ist wirklich nett!“

Paulas Bauch rebellierte schon, als es an der Tür klingelte. Sie schaute durch den Spion und sprang entsetzt zurück. Wie war das möglich? Woher wusste der Lockenmann aus dem Supermarkt, wer sie war und wo sie wohnte? Und was wollte er von ihr?

Als sich Friedas Hand auf ihre Schulter legte, zuckte Paula zusammen. „Warum machst du nicht auf?“ Noch bevor Paula reagieren konnte, hatte ihre Mutter die Tür geöffnet. Der Lockenmann lächelte. In der einen Hand hielt er einen Strauß Blumen. Kornblumen und Margeriten. Die mochte Frieda am liebsten. Aber woher um alles in der Welt wusste der Mann aus dem Supermarkt ...? In der anderen Hand hielt er eine dicke, duftende Ananas.

„Komm rein!“ Frieda trat zur Seite, um den Weg in die Wohnung freizugeben.

„Kennt ihr euch etwa?“ Paula starrte noch immer auf die Ananas.

„Was soll diese komische Frage? Das ist Marten!“

„Hallo Paula, schön dich kennenzulernen“, sagte der Lockenmann mit seltsamem Akzent. Als Frieda sich umdrehte, um ins Wohnzimmer vorauszugehen, zwinkerte Marten Paula zu. „Eins zu null für dich, Lockenmann!“, dachte Paula. „Aber so schnell gebe ich mich nicht geschlagen!“

Ein Geburtstag voller Zweifel

„Sei doch froh, dass deine Mutter endlich jemanden gefunden hat! Dann ist sie beschäftigt und merkt nicht, wenn wir uns mal wieder in der Zeit vertan haben!“

Paula saß kerzengerade neben Lene auf dem Bett „Aber doch nicht den! Und was ist, wenn Papa zurückkommen will?“

„Glaubst du das ernsthaft? Außerdem hat dein Vater doch längst eine neue Frau.“

„ICH will auf jeden Fall, dass er zurückkommt!“

„Marten ist doch ganz in Ordnung.“

„In Ordnung? Ein Schauspieler ist er und verrückt dazu. Ganz ehrlich. Und das Schlimmste ist, dass Mama das nicht merkt.“

„Nur weil er nicht ausflippt, wenn du ihm den Einkaufswagen in die Kniekehlen rammst?“

„Du hättest sein Lachen hören müssen! Auch wenn das jetzt schon Wochen her ist, hab ich’s noch im Ohr. Aber das ist es ja gar nicht. Ich kann seine Geschichten nicht mehr hören. Diesen ganzen Quatsch von der Wüste mit den vielen Köpfen und den Menschen, die in Maulwurfshügeln wohnen. Vielleicht hat er in Australien zu viel Sonne abbekommen ...“

„Und wenn doch was Wahres dran ist?“ Lene sah Paula herausfordernd an. „Deine Mutter ist doch schließlich nicht blöd!“

Lene schaute wieder auf den Briefumschlag, den Paula von Marten zum Geburtstag überreicht bekommen hatte. „Und du hast immer noch nicht reingeschaut?“ Ohne eine Antwort abzuwarten zog Lene den Umschlag vom Geschenkestapel. „Dann mache ich das für dich!“

Paulas Geburtstag

„Hey, das sind immer noch meine Geschenke.“

Paula nahm den Umschlag und schaute kurz aus der Tür, um sicher zu gehen, dass Frieda und Marten nicht in der Nähe waren.

„Was soll schon drin sein? Ich schätze mal, er hat eine seiner tollen Geschichten von seinem ‚Herzland‘ zu Papier gebracht. Vielleicht denkt er ja, dass sie so glaubwürdiger werden.“

„Ich fasse es nicht. Jetzt mach den Umschlag endlich auf!“

Lene wollte nicht länger warten. Als Paula den Inhalt endlich in den Händen hielt, traute sie ihren Augen nicht.

„Das ist ja ein Ticket!“, schrie Lene so laut, dass Paula ihr die Hand auf den Mund hielt.

„Mensch, jetzt sei doch leise!“

„Und eine Landkarte!“, stellte Lene fest, diesmal nicht ganz so laut.

„Das sehe ich selbst.“
Marten hatte kleine Notizen auf die selbst gemalte Landkarte geschrieben. ‚Australien – Herzland‘ stand mit dicken Druckbuchstaben in der Mitte.

„Da siehst du es ja schwarz auf weiß.“ Paula schob die Karte ein Stück weiter in Lenes Richtung. ‚Die Wüste mit den vielen Köpfen‘ stand ziemlich mittig auf der Karte. ‚Menschen, die in Maulwurfshöhlen leben‘ war etwas weiter unten notiert.

„Das Muschelschalenhaus“, las Lene laut vor. „Marten nimmt dich mit nach Australien?“ Lene rang nach Worten. „Echt nach Australien?“, wiederholte sie noch einmal so ungläubig, als handele es sich um eine Einladung auf den Mond. Um sicher zu gehen, dass sie nicht völlig daneben lag mit ihrer Vermutung, zog sie Paula das Ticket aus der Hand.

„Hier, da steht es: 13. Dezember ist der Abflug nach Sydney. Mensch Paula, du feierst Weihnachten in Australien. Ist das genial! Australien! Wow!“ Lene hatte das Reisefieber gepackt. „Ich hab mal gehört, dass in ganz Australien nur ein Viertel der Einwohner Deutsch- lands leben. Das muss ja schrecklich einsam sein für dich. Vielleicht sollte Marten auch deine beste Freundin Lene einladen. Was meinst du?“

„Da kann er alleine hinfliegen!“
„Das ist nicht dein Ernst, oder?“
„Ich habe doch fast mein Ziel erreicht.“ „Wovon redest du denn?“
„Na, dass ich es fast geschafft habe, Frieda klar zu machen, dass Martens Geschichten wie klebrige Fangleinen sind, mit denen er uns ködern will!“

Paula zog die Karte unter Lenes Nase weg, die noch immer mit verzaubertem Blick auf das Papier und die Notizen starrte.

Und dann kommt alles anders

Erst kurz vor dem geplanten Reisetermin einigten sich Paula und Frieda bei einem Pizzaessen. Diese Reise wäre der erste und letzte Urlaub mit Marten, wenn sich seine ganzen Geschichten als Hirngespinste entpuppen würden. Aber um das herauszufinden, musste Paula Martens Einladung wohl oder übel annehmen.

Durch den kleinen Ausschnitt der Flugzeugscheibe versuchte Paula einen ersten Eindruck von Sydney zu bekommen. Wasser glitzerte im Sonnenlicht. Schiffe so klein wie Backerbsen in einem Großküchensuppentopf zogen Schaumkronen hinter sich her. Landzungen ragten in den Pazifik wie grüne Finger, Hochhäuser drängten sich aneinander und in der Ferne spannte sich eine gigantische Brücke. Daneben funkelte ein Gebäude im Licht der australischen Sommersonne. Paula zuckte zusammen. Sie schloss kurz die Augen und als sie sie wieder öffnete, hatte sich der Ausschnitt, den sie durch die kleine Scheibe sehen konnte, schon wieder verändert. Das Flugzeug flog eine scharfe Kurve und setzte kurz darauf mit einem leichten Rucken auf der Landebahn auf.

„Herzlich willkommen in meinem Herzland!“, dröhnte Marten so stolz, als habe er höchst persönlich diesen riesigen Kontinent erschaffen.

Nun war sie also in Australien und erinnerte sich an das, was ihr Lene vor der Abreise aus einem Reiseführer so begeistert vorgelesen hatte: „Australien, der uns fernste Kontinent ist für seine Vielzahl beeindruckender Naturwunder berühmt. Seine außergewöhnliche Tier- und Pflanzenwelt ist besonders interessant, stellt sie doch einen Sonderfall der Evolution dar. Die Landschaften gehören zu den ungewöhnlichsten weltweit.“ Lene hatte Paula außerdem erzählt, dass Australien auf der Südhalbkugel liegt und dass es dort Sommer ist, während in Deutschland tiefster Winter herrscht. „Weihnachten am Strand, wie cool.“ Lene hatte sich von ihrer Australien-Begeisterung gar nicht mehr ablenken lassen. Nur zu gerne hätte Paula ihrer besten Freundin das Flugticket überlassen – und Marten gleich dazu.

Noch am späten Nachmittag spürte Paula, wie die australische Sonne erbarmungslos auf sie niederbrannte. Sie war nicht als warme Umarmung zu spüren, sondern stach auf der Haut und hinterließ schon nach kurzer Zeit ihre Spuren. Zusammen mit Marten und Frieda schlenderte sie durch kleine Straßen voller Menschen.

„Stellt euch The Rocks vor zweihundert Jahren vor: Dieses Hafenviertel heißt zwar noch immer so wie damals, als die großen Dampfer mit Auswanderern aus Europa ankamen, aber heute ist es Wandelmeile für Touristen. Das Rocks Discovery Museum erzählt spannende Geschichten aus dieser Zeit.“

Marten spielte den Reiseführer und Frieda murmelte pausenlos: „So ein Wahnsinn! Mir gefällt es hier.“

„Und das ist erst der Anfang! Wartet mal ab, wie toll der Blick vom alten Kleiderbügel aus ist! Kein Einheimischer sagt nämlich Sydney Harbour Bridge. Ein zehnstöckiges Hochhaus könnte man darunter schieben. Nur, damit du dir mal eine Vorstellung machen kannst, Paula.“ Marten zeigte auf die riesige gebogene Brücke, die sie aus dem Flugzeugfenster hatte sehen können und die sich weit über den Ozean spannte.

„Müssen wir da hoch laufen?“ Paula sah Hilfe suchend nach Frieda. „Ich bin müde, ich habe Kohldampf und mir ist heiß!“ Nach dem langen Flug, der mit Zwischenlandung eine ganze Nacht und einen ganzen Tag gedauert hatte, war Paula nicht gerade nach einer Stadtbesichtigung zumute.

„Nur ein kleines Stück noch. Das musst du einfach sehen, Paula!“, drängte Marten.

„Das Muschelschalenhaus!“, hauchte sie kaum hörbar, als sie nach wenigen Schritten das riesige Gebäude in der Ferne erkannte.

„Ist das nicht wunderbar? Darf ich vorstellen: das Muschelschalenhaus ist das weltbekannte Sydney Opera House. Es gehört übri- gens zum Weltkulturerbe. Und um unseren Kleiderbügel und den tollsten Strand Australiens, Bondi Beach, beneidet uns die ganze Welt.“

Marten war so stolz als gehörten diese Attraktionen ihm allein.

„Das Muschelschalenhaus von deiner Karte gibt es also wirklich!“

„Was dachtest du denn? Hast du bisher denn nichtmal in den Reiseführer geschaut? Sydney ist die größte, älteste und vielfältigste Stadt Australiens. Und ich zeige sie euch!“

Marten wollte gerade seinen Arm um Paulas Schulter legen, aber Paula drehte sich schnell wortlos weg. Nur Bruchstücke seiner Schwärmereien und Erklärungen drangen an ihr Ohr:

„... ist immerhin der heißeste und trockenste Kontinent der Erde ...“, „... heißt auch down under, weil er aus Sicht der damaligen Entdecker ganz unten auf der Karte und von Europa am weitesten entfernt liegt ...“, „... Busch nennen wir alles außerhalb der Städte und Outback alles, was dahinter und noch weiter weg und noch einsamer liegt ...“

Marten hörte gar nicht mehr auf: „Habe ich euch eigentlich jemals von den Korallengärten erzählt, die so groß sind und so prächtig leuchten, dass man sie sogar vom Mond aus sehen kann? Die werde ich euch irgendwann auch noch zeigen. Und dann gibt es die Bucht der zahmen Delfine und ...“

Paula in Sydney

Marten verstummte abrupt. Und als auch Paula sich umdrehte, sah sie ihre Mutter auf dem Boden, das Gesicht kalkweiß.

„Verdammter Mist! Ich bin umgeknickt. Mein Bein – ich kann nicht aufstehen. Das darf doch nicht wahr sein.“ Paula und Marten halfen Frieda vorsichtig auf die Beine, aber Frieda schrie vor Schmerz auf und sank sofort wieder auf den Boden.

Noch während sie auf den Krankenwagen warteten, beschlich Paula bereits eine erste böse Vorahnung.

„Die Erdanziehung ist hier wohl ein bisschen stärker“, scherzte Frieda, obwohl ihr der Arzt eine alles andere als erfreuliche Diagnose unterbreitete: ein Bänderriss und ein verstauchter Knöchel. Damit würde es schwierig sein, durch Australien zu reisen. Das musste sogar Paula einsehen. Aber natürlich hatten Frieda und Marten gleich am nächsten Tag neue Reisepläne parat. Als Marten Paula vom Krankenhaus abholte, lagen die gepackten Taschen schon im Kofferraum.

„Viel Spaß bei Tante Sim!“ Frieda stellte sich ganz offensichtlich dumm. Dass es keinen Spaß machen würde, vier Wochen bei einer verstaubten Tante mitten in der Pampa oder besser gesagt im australischen Busch zu verbringen, konnte sie sich ja wohl denken. Aber so unendlich lange allein auf Marten angewiesen zu sein, wäre noch schlimmer, fand Paula und ergab sich in ihr Schicksal.

„Dauert die Fahrt noch lange?“ Nicht dass Paula es eilig hatte, bei Sim anzukommen, aber Martens Reden und seine Australienstories gingen ihr auf die Nerven. „Morgen Vormittag sollten wir ankommen, Pausen natürlich eingerechnet.“

„Was? Wir fahren den ganzen Tag und die ganze Nacht hindurch? Wo um alles in der Welt wohnt diese Tante denn?“

„Na ja, du bist hier in Australien. Da sind die Entfernungen eben etwas größer. Das ist fast so, als würdest du von Deutschland nach Russland reisen und wärst dabei die ganze Zeit über in ein und demselben Land.“

Im Gegensatz zu Paula freute sich Marten offensichtlich auf die Fahrt durch die endlosen australischen Weiten.

Martens dröhnender Bass schmetterte ein Lied nach dem anderen. Und mit jedem Kilometer, den sie sich von Sydney entfernten, fühlte Paula sich verlorener, bis das gleichmäßige Summen des Motors sie langsam in den Schlaf schaukelte und für einen Moment von ihren verzwickten Gedanken befreite.

Als Paula die Augen wieder öffnete, hatte sie keine Ahnung, wie viel Zeit vergangen war. Aber die Landschaft hatte sich verändert. Nur

noch ab und zu war ein Baum zu sehen. Abgesehen davon war der rote Boden von kleinen, gedrungenen Büschen bedeckt.

„Na, ausgeschlafen? Wir sind gleich da.“ Marten zeigte auf ein Schild, das am Straßen- rand aufgestellt war Tibooburra – Outback New South Wales.

„Wo um alles in der Welt bin ich hier nur gelandet?“, flüsterte Paula in die trockene Weite vor dem Fenster und schloss die Augen wieder.

Kurz darauf kam der Wagen mit einem Ruck abrupt zum Stehen. Marten sprang raus und warf einen Blick in den Briefkasten, der aus einer bleichen, leicht rostigen Brotdose bestand und mitten im Nichts auf einem Holzbalken thronte.

„Sim freut sich, wenn wir ihr die Post mitbringen. Sind ja immerhin drei Kilometer von ihrem Haus bis zum Briefkasten!“ Aus der Menge an Post, die Marten auf den Rücksitz legte, schloss Paula, dass Sim sich nicht sonderlich oft die Mühe machte, ihren Briefkasten zu leeren.

Eine viertel Stunde lang fuhr Marten das Auto über eine holprige, mit Schlaglöchern übersäte Staubpiste. Dann kam ein halb zerfallenes Farmhaus in Sicht, umgeben von unendlicher Weite und staubigem Nichts. So, als wäre es versehentlich hier abgesetzt worden. Mit festen Schritten kam eine Frau auf das Auto zugelaufen. Dicht an ihre Beine gedrängt folgte ein Hund. Sein Fell war so rot wie die trockene Erde, auf der er lief. Er schien sich aber für Besuch nicht sonderlich zu begeistern.

„Wir sind da!“, erklärte Marten, als er die Autotür öffnete. Das war also kein Zwischenstopp an einem Roadhouse, an dem Marten Pommes mit Salz und Essig kaufte? Hier wohnte Tante Sim?

„Wo sind wir?“, fragte Paula vorsichtshalber. „Doch nicht etwa ...“

„Wo wolltest du denn hin? Ins Fünf-Sterne- Hotel?“ Die Stimme klang erstaunlich zart für die kolossale Frau neben Marten. Sie schlang ihre muskulösen, braun gebrannten und tätowierten Arme um Marten, der bei dem festen Druck nach Luft rang. Als sie ihre Umarmung löste, drückte Marten der Frau einen Kuss auf die Nasenspitze und zog sie wie ein kleines Kind an der Hand hinter sich her.

„Darf ich bekannt machen? Paula, das ist Tante Sim. Sim, das ist Paula!“

Sims rote Haare standen in widerspenstigen Zotteln vom Kopf ab. Ihre Haut war eigenartig runzlig, aber nicht alt. Sommersprossen bedeckten Sims Gesicht, selbst die leuchtend grünen Augen waren von ihnen umzingelt. „Tante Sim? Hat er mich gerade so bei dir vorgestellt, oder habe ich so lange nicht mehr mit Menschen gesprochen, dass ich ihre Sprache verlernt habe?“

Sims Gesichtsausdruck verriet keine Emotionen. Paula wusste nicht, ob sie scherzte oder ernsthaft entrüstet war. Für einen Augenblick zog Sim die Nase kraus, so wie es der rote Hund gemacht hatte. Überhaupt sahen sich die bei- den irgendwie ähnlich, fand Paula. Der Hund war mittlerweile in den Schatten der überdachten Veranda geschlichen und hatte es sich dort auf dem Sofa gemütlich gemacht. Zusammengerollt lag er auf den durchgewetzten Polstern. Sim drehte sich um und folgte ihm. Marten und Paula folgten Sim.

„Wann haben wir uns das letzte Mal gesehen?“, wollte Sim wissen. „Lange her!“, beantwortete sie ihre eigene Frage.

„Groß bist du geworden!“, sagte Marten und lachte über seinen eigenen Witz.

„Und wie kommst du darauf, dass ich ein passender Babysitter für dieses Kind bin?“, fragte Sim ohne Umschweife und setzte sich neben den roten Hund.

„Du weißt doch: Wir sind vom anderen Ende der Welt gekommen, um Paula das Herzland zu zeigen. Und jetzt liegt Frieda im Krankenhaus, mit Bänderriss und einem dicken, blauen Knöchel.“

Marten hielt inne und überlegte, wie er Sim aus der Reserve locken konnte.

„Du hast hier doch genug Platz, und Paula kann sich mit um deine Tiere kümmern. Und ich dachte, Paulas Gesellschaft tut dir vielleicht ganz gut.“

Dass der rote Hund kein Kuscheltier war, sah selbst ein Blinder. Paula fragte sich, was diese kauzige Sim sonst noch für nette Tierchen in ihrem Haus hatte. Und sie sollte nun als Beschäftigung für diese wortkarge Riesin herhalten!

Sim stand auf und ging in die Küche. Wort- los. Was Marten zu viel hatte, schien bei ihr Mangelware zu sein. Als sie wieder in die staubige Hitze trat, hielt sie einen Teller mit Sandwichs in der Hand.

„Hunger?“, fragte Sim.
Noch bevor Paula überhaupt antworten konnte, griff Marten gierig nach dem Brot und schlang es herunter, als hätte er seit Tagen nichts Besseres gesehen. Seine Augen rollten in Richtung Himmel. „Schmeckt nach Zuhause!“, erklärte er mit vollem Mund.

„Hier, nimm schon. Du siehst aus, als könntest du eine kleine Stärkung gebrauchen. Hemdsärmelige Kinder, die nicht mal einen Kanister Wasser zu den Schafen bringen können, brauche ich hier ganz bestimmt nicht!“

Sim hielt ihr den Teller hin. Erst jetzt merkte Paula, wie ihr Magen nach einer Grundlage für den Tag verlangte. Sie griff ohne Zögern nach einem Sandwich und biss hinein. Der salzig-bittere Geschmack drehte ihr den Magen um.

„Igitt, was ist denn das?“, entfuhr es ihr, „wollt ihr mich vergiften? Das schmeckt ja wie Brühwürfel.“
Vegemite Sandwich“, antwortete Sim. „Das isst hier jeder. Ist doch eine super Erfindung. Das Zeug wurde entwickelt, weil jemand auf die geniale Idee kam, die Hefereste aus den Brauereien nicht einfach wegzuwerfen. Vegemite ist echter Kult in Australien. An diese salzige Hefepaste wirst du dich hier schon gewöhnen müssen. Wie lange sollst du denn überhaupt bleiben? Ich habe schließlich einiges zu tun!“

„In vier Wochen geht der Flug zurück nach Frankfurt“, antwortete Marten an Paulas Stelle.

„Vier Wochen?“ Paula starrte Marten fassungslos an. Tränen traten ihr in die Augen. „Ich will aber nicht vier Wochen hier bleiben. In dieser Pampa, ohne Computer, ohne Frieda, mit ... Tante Sim!“, protestierte Paula.
„Paula, glaub mir“, versuchte Marten zu besänftigen. „Ich hole dich jederzeit wieder hier ab. Und auch wenn Sim auf den ersten Blick ein bisschen seltsam wirkt ...“, er zwinkerte Paula zu, „... garantiere ich dir, dass sie sich wirklich gut um dich kümmern wird.“
„Und was um alles in der Welt soll ich hier machen?“, platzte es aus Paula heraus. „Mich zu Tode langweilen?“

Sim sah Paula erstaunt an. „Dir wird alles andere als langweilig sein. Du wirst am Abend ins Bett fallen und so müde sein, dass du nicht einmal mehr zwei Fliegen zählen kannst, bis dir die Augen zufallen, das verspreche ich dir! Und du Marten, machst dich am besten mal auf den Heimweg. Wir sind gleich sowieso nicht mehr hier.“

„Und wo geht’s hin, wenn ich fragen darf?“

„Hast du nicht gesagt, das Kind sei hier, um Australien kennenzulernen? Dann fangen wir am besten gleich damit an!“
Paula lief zum Auto, um ihr Gepäck zu holen.
„Hör zu, Sim ...“, hörte sie Marten sagen.

„Ich vertraue dir Paula an, weil ich weiß, dass du die Richtige bist. Du musst mir versprechen, gut auf sie aufzupassen. Ich will, dass es ihr gut geht in den nächsten Wochen – und dass sie etwas Schöneres zu sehen bekommt als blank polierte Krankenhauskorridore.“

Paula lauschte angestrengt, aber sie konnte nicht hören, was Sim antwortete.

Willkommen à la Sim

„Ich habe doch gesagt: nur das Nötigste!“
„Ich weiß. Das Nötigste für einen Tag und eine Nacht.“
„Von mir aus nimm das ganze Zeug mit. Ich muss es ja nicht tragen. Aber ich will kein Jammern, wenn dir der Rucksack zu schwer wird.“

Paula stand im Schatten der Veranda und ah zu, wie Sim die Haustür verriegelte. Sie überlegte, welcher Teil des Rucksackinhalts tatsächlich nutzlos war für eine Reise durch das endlose Nichts vor Sims Türschwelle. Schwer zu sagen, schließlich war sie noch nie in ihrem Leben mit einer wortkargen, tätowierten Frau und einem unfreundlichen roten Hund durch den australischen Busch gereist.

Der Hund sah Paula missmutig an. Dann, als Sim die Stufen der Veranda hinunterlief, sprang er auf und folgte ihr.

(...)

(Ende der Leseprobe)

Karte Australien Paula und die Wüstenflamme

Rezensionen

„Die spannende Erzählung führt den Leser einmal quer über den Kontinent, was man auf der gezeichneten Karte von Australien verfolgen kann, die auf die Vorsatzblätter gedruckt ist. So erfährt man punktuell auch einiges über das Land und seine Bewohner. (...)
Der Autorin gelingt es in diesem „Roadmovie“, auch Paulas sich wandelnde Gefühle zu thematisieren, die für die psychologische Glaubwürdigkeit der Handlung wichtig sind. (...)
Schwarzweiße Zeichnungen illustrieren das lesenswerte Kinderbuch und lockern den Text auf."
Leseforum Bayern

„Auf eine hintergründige und witzige Art und Weise werden die Leser an einige Besonderheiten des Kontinents Australien herangeführt, denn das Mädchen erlebt Sydney, den Outback, Ayers Rock und die Olgas ebenso wie Perth, und der Leser erfährt viele Fakten über die Geschichte, die landschaftlichen Spezifika und die Ureinwohner des Landes; gewissermaßen nebenbei. (...)
Die Dialoge sind witzig und humorvoll, die kindliche Fantasie wird sowohl durch die Handlung als auch durch die eingestreuten Fakten herausgefordert. (...)
Sachinformationen, Abenteuer und ein bisschen Krimi sind gut verquickt."
Arbeitsgemeinschaft Literatur und Medien der GEW (AJuM)

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DIX Verlag

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Gebundene Ausgabe: 224 Seiten

Verlag: DIX Verlag & PR; Auflage: 1. Auflage (31. Mai 2013)

Sprache: Deutsch

ISBN-10: 3941651781

ISBN-13: 978-3941651784

Vom Hersteller empfohlenes Alter:
8 - 10 Jahre

Flyer

Der Flyer mit Infos zum Buch und über die Autorin:
Paula und die Wüstenflamme (PDF)